Wir sprechen ständig darüber, warum Menschen unter Stress zusammenbrechen, warum Krisen uns erschöpfen oder weshalb Schmerz Spuren hinterlässt. Aber warum spricht kaum jemand darüber, dass uns manchmal auch das Schöne überfordern kann?
Mir ist in den letzten Monaten etwas aufgefallen. Immer dann, wenn meine Beiträge besonders viele Menschen erreichen, wenn plötzlich unzählige Nachrichten kommen oder immer mehr Menschen mit Reliance arbeiten möchten, werde ich still. Ich lege mein Handy weg, beantworte Nachrichten später und verschwinde manchmal für ein oder zwei Tage aus den sozialen Medien. Früher habe ich das als Selbstsabotage bezeichnet. Heute glaube ich, dass ich meinem Gehirn damit unrecht getan habe.
Vielleicht kennst du das auch. Du bekommst ein ehrliches Kompliment und wechselst sofort das Thema. Du erreichst ein großes Ziel und kannst dich kaum darüber freuen. Menschen zeigen dir Wertschätzung und ein Teil von dir möchte sich lieber zurückziehen. Lange dachte ich, mit uns stimmt dann etwas nicht. Heute glaube ich, dass unser Gehirn uns in diesen Momenten etwas ganz anderes zeigen möchte.
Unser Gehirn möchte nicht glücklich sein – es möchte Vorhersagbarkeit
Der Neurowissenschaftler Karl Friston beschreibt unser Gehirn als eine Vorhersagemaschine. Es versucht permanent einzuschätzen, was als Nächstes passiert. Nicht, weil es Kontrolle liebt, sondern weil Vorhersagbarkeit Energie spart. Unser Gehirn macht gerade einmal zwei Prozent unseres Körpergewichts aus und verbraucht trotzdem rund zwanzig Prozent unserer Energie. Alles, was vertraut ist, kostet weniger Kraft als etwas völlig Neues.
Evolutionär ergibt das durchaus Sinn. Für unsere Vorfahren konnte jede Veränderung ein Risiko bedeuten. Ein neuer Stamm, ein unbekanntes Gebiet oder eine veränderte soziale Rolle konnten über Leben und Tod entscheiden. Unser Gehirn hat deshalb nicht gelernt, ständig nach Glück zu suchen. Es hat gelernt, aufmerksam zu werden, sobald etwas anders ist als gewohnt.
Vielleicht ist genau das der Grund, warum uns nicht nur Krisen aus dem Gleichgewicht bringen können, sondern manchmal auch Erfolg, Anerkennung oder Liebe.
Was passiert, wenn unser Gehirn plötzlich falsch liegt?
Wenn unser Gehirn über Jahre gelernt hat, dass Anerkennung selten ist oder dass wir uns unseren Platz erst verdienen müssen, entsteht daraus ein inneres Modell. Es speichert nicht jeden einzelnen Moment, sondern entwickelt mit der Zeit Erwartungen an die Welt. Wie reagieren Menschen auf mich? Wie wahrscheinlich ist Wertschätzung? Bin ich willkommen oder störe ich eher?
Und dann verändert sich das Leben.
Menschen hören plötzlich zu. Beiträge werden geteilt. Kunden vertrauen dir. Fremde schreiben dir Nachrichten, in denen sie erzählen, dass deine Gedanken etwas verändert haben.
Eigentlich müsste sich das doch einfach gut anfühlen.
Neurobiologisch passiert aber noch etwas anderes. Das Gehirn stellt fest, dass seine bisherige Vorhersage nicht mehr zur Realität passt. In den Neurowissenschaften spricht man vom Prediction Error, also einem Vorhersagefehler. Die Welt verhält sich plötzlich anders, als unser Gehirn erwartet hat. Also beginnt es, seine innere Landkarte neu zu schreiben. Neue neuronale Verbindungen entstehen, alte Annahmen werden überprüft und genau dieser Prozess kostet Energie.
Vielleicht fühlt sich Wachstum deshalb manchmal überraschend anstrengend an.
Erfolg aktiviert mehr als nur das Belohnungssystem
Dopamin wird häufig als Glückshormon bezeichnet. Das stimmt nur teilweise. Tatsächlich spielt Dopamin vor allem eine wichtige Rolle beim Lernen, bei Motivation und Aufmerksamkeit. Es signalisiert unserem Gehirn: Hier passiert etwas Wichtiges. Schau genau hin.
Wenn plötzlich viele positive Ereignisse gleichzeitig eintreffen, arbeitet unser Gehirn auf Hochtouren. Gleichzeitig wird auch das autonome Nervensystem aktiviert. Es unterscheidet nämlich nicht zuerst zwischen gut und schlecht, sondern bewertet zunächst die Intensität einer Situation.
Eine Hochzeit. Die Geburt eines Kindes. Die große Liebe. Ein neuer Job. Der erste richtig erfolgreiche Vortrag. Tausende Menschen, die sich plötzlich für deine Arbeit interessieren.
All das sind wunderbare Ereignisse. Gleichzeitig bedeuten sie Veränderung. Und Veränderung muss unser Nervensystem erst einordnen.
Deshalb erleben manche Menschen nach großen Erfolgen genau das Gegenteil von dem, was sie erwartet hätten. Sie werden müde. Ziehen sich zurück. Schlafen schlechter. Beantworten Nachrichten später oder verschwinden für eine Weile aus den sozialen Medien.
Vielleicht ist das gar keine Selbstsabotage.
Vielleicht arbeitet unser Gehirn gerade auf Hochtouren.
Warum wir uns manchmal selbst nicht wiedererkennen
Mich hat dieser Gedanke unglaublich entlastet.
Ich muss mich heute nicht mehr dafür verurteilen, wenn ich nach einer intensiven Phase der Sichtbarkeit einen Abend ohne Handy brauche. Vielleicht ist das gar keine Schwäche. Vielleicht integriert mein Gehirn gerade eine Realität, die früher außerhalb meiner Vorstellung lag. Vielleicht muss es erst lernen, dass Aufmerksamkeit heute nicht mehr automatisch Druck bedeutet und dass Sichtbarkeit nichts Gefährliches ist.
Ich glaube, wir unterschätzen häufig, wie sehr unser Selbstbild unser Leben beeinflusst. Wenn ich jahrelang geglaubt habe, eher im Hintergrund zu stehen, dann reicht es nicht, wenn plötzlich tausend Menschen etwas anderes sagen. Mein Gehirn braucht Zeit, um diese neue Geschichte überhaupt glauben zu können.
Die gute Nachricht: Unser Gehirn verändert sich
Das Schönste an all dem ist, dass unser Gehirn nicht starr ist. Durch die sogenannte Neuroplastizität verändert es sich ein Leben lang. Jede Erfahrung, die unserer alten Geschichte widerspricht, hinterlässt Spuren. Jedes ehrliche Kompliment, das wir nicht sofort relativieren. Jeder Mensch, der bleibt, obwohl wir damit gerechnet haben, dass er geht. Jeder Erfolg, den wir nicht kleinreden.
Langsam entsteht daraus ein neues Bild von uns selbst.
Nicht über Nacht.
Nicht durch positives Denken.
Sondern durch Wiederholung.
Vielleicht bedeutet persönliches Wachstum deshalb viel weniger, immer erfolgreicher zu werden. Vielleicht bedeutet es vielmehr, immer mehr Erfolg halten zu können. Immer mehr Liebe anzunehmen. Immer mehr Vertrauen auszuhalten. Und irgendwann festzustellen, dass das, was sich früher überwältigend angefühlt hat, einfach Teil unseres Lebens geworden ist.
Vielleicht ist genau das Heilung.
Nicht, weil das Leben plötzlich leichter wird.
Sondern weil unser Nervensystem aufhört, vor den schönsten Momenten unseres Lebens davonzulaufen.
Wissenschaftliche Quellen
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